04.09.08 Editorial - Deutsche Molkerei Zeitung
Milchwirtschaft – geprägt von Demokratie und Markt
Das Jahr 2008 wird allen mit der Milchwirtschaft Verbundenen in Erinnerung blei-ben. Die Milchauszahlungspreise sind noch geprägt vom Hoch des Marktes in 2007, die Kosten für Energie und Rohstoffe steigen und der Milchmarkt geht wei-ter auf dem von der EU Kommission vorgegeben Kurs in Richtung Liberalisie-rung. Die traditionsgemäß enge Verbundenheit zwischen Molkerei und Milcher-zeugern wird auf eine harte Probe gestellt, die im Milchlieferboykott gipfelte. Doch jetzt - einige Zeit nach dem Höhepunkt - gilt es, wieder in die sachliche Diskussion einzusteigen und den Blick über den eigenen Tellerrand hinaus zu richten.
Aus Brüssel kommen nach wie vor deutliche Worte die beweisen, dass der ein-geschlagene Kurs gehalten wird. Der Quotenausstieg einhergehend mit der Quo-tenaufstockung ist sicher und die Forderungen und Vorschläge aus den vergan-genen Milchgipfeln in Berlin lösen bei der Kommission eher Erstaunen aus. Un-missverständlich wird auf die exponierte Position Deutschlands hingewiesen und auf die Mehrheitsverhältnisse, die in einer Demokratie nun mal die entscheiden-de Rolle spielen. Auch die offenen Grenzen und damit die Wirkungslosigkeit na-tionaler und regionaler Maßnahmen werden offen angesprochen.
Doch nicht nur aus dieser Richtung wird Kritik laut. Nach und nach melden sich diejenigen zu Wort, die in der Vergangenheit nicht an die Öffentlichkeit getreten sind, sondern sich aus dem Gerangel um die Interessensvertretung der Milcher-zeuger herausgehalten haben. Klar wird, dass bei vielen Milcherzeugern der Ausstieg aus der Quote Ängste verursacht, aber dass sich einige auch Chancen für eine erfolgreiche Zukunft ausrechnen. Damit sind sie in Europa in bester Ge-sellschaft, denn die Mehrheit der deutschen und europäischen Milcherzeuger hat sich bereits für den Ausstieg aus der Quote ausgesprochen. Die Molkereien sind gut beraten in dieser Situation auf die Sorgen ihrer Milchlieferanten einzugehen, aber es dürfen nicht nur die populistischen sondern vor allem die zukunftsorien-tierten Fragen beantwortet werden. Eine schwierige und wichtige Aufgabe für die Unternehmen ist es, gemeinsam mit den Milcherzeugern die Chancen der Libe-ralisierung des Milchmarktes zu erkennen und zu nutzen. Die zukünftige Zu-sammenarbeit zwischen diesen beiden Marktpartnern ist bereits heute darauf auszurichten.
Alle Beteiligten müssen sich auf starke Schwankungen am Milchmarkt und bei den Auszahlungspreisen einstellen. Die langfristig orientierte Markenpolitik der privaten Molkereien sowie die vielfältigen und innovativen Qualitätsprodukte sind nach wie vor wegbereitend für attraktive Auszahlungspreise und tragen zur Stabi-lisierung bei. Doch auch hier ist zu berücksichtigen, dass lediglich ca. 45% der in Deutschland ermolkenen Milch im Lebensmitteleinzelhandel (LEH) verkauft wird. Die verbleibenden 55% gehen in die Industrie und in den Export und diese bei-den Marktplätze sind im Wesentlichen vom Weltmarkt abhängig. Hier sind natio-nale Aktionen völlig nutzlos oder sogar schädlich, wenn sie die Unternehmen am Wettbewerb um neue Märkte hindern.
Mit Blick auf die europäischen Nachbarn sollten wir uns zügig auf unsere Mög-lichkeiten konzentrieren, die herausragende Stellung der bayerischen sowie der deutschen Milchwirtschaft nicht weiter zu gefährden. Unsere Besonderheiten sind schließlich Garant, um weiterhin erfolgreich am weltweiten Milchmarkt tätig zu sein! Maßgeblich geprägt ist der Weg von den vorgegebenen Rahmenbedin-gungen der EU, die demokratisch entschieden werden und vom Markt, der seine eigenen Gesetze hat – die hinlänglich bekannt sein sollten!
Susanne Nüssel